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Aus der Vorgeschichte


Das Ritual

Flackernder Fackelschein erhellte die ernsten Gesichter, deren Münder einen uralten Beschwörungsgesang formulierten. Wie melancholische Wogen bewegten sich die Klänge dieser seltsamen Melodie über das Meer von Gesichtern, in denen Entschlossenheit zu lesen war... und Angst. Angst vor dem was durch diese Melodie gerufen werden sollte, Angst vor dem was sein würde, wenn dies scheiterte, Angst vor dem was man entfesselt hatte in Momenten des Hochmuts. Doch auch Entschlossenheit zeichnete die Antlitze der Versammelten, Entschlossenheit, nicht zu weichen, Entschlossenheit, wieder gut zu machen...

Ein Beben ließ die Gesänge verstummen. Ein dumpfes Grollen folgte und eine Erscheinung, bei der sich aus seelenloser Leere ein Körper zu formen begann. Inmitten dieser Leere ein gewaltiges, kristallines Herz... Ein Aufschrei des Entsetzens drang aus den Kehlen der Versammelten. Mit zitternden Fingern öffneten sie panisch kleine Fläschchen, an die sich sich nun krampfhaft klammerten. In mitten der Massen, ganz unten in der Arena, hatte sich unterdessen die Niederkunft eines uralten Übels vollzogen. Morgath, der Dämonenfürst, war erschienen.



Die Tagebücher des Einsiedlers

Doch als ich heute Morgen wie jeden Tag zum Fluss ging, um Wasser zu holen, fand ich einen kleinen Jungen, der, in einen Korb gelegt, auf den Wellen schwamm. Ich kann mir nicht erklären, wer das Kind hier ausgesetzt hat, doch es kann kein bloßer Zufall sein. Zu sorgfältig wurde es, in eine warme Decke gehüllt, in einen Weidenkorb gelegt, und genau an der Stelle, an der ich stets morgens und abends Wasser hole.“

„Der Junge ist begabt und es bereitet mir Freude, zu sehen, wie er sich entwickelt. Er ist zu einem klugen jungen Mann herangewachsen. Immer häufiger überrascht er mich nun mit Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich mache mir Sorgen, dass ich ihm nur so wenig beibringen kann. Die letzten Jahrzehnte meines Lebens habe ich in dieser Hütte verbracht und mich nur mit der Magie dieses Ortes beschäftigt, doch ich weiß, dass einen jungen Menschen nach mehr dürstet. Sein Talent muss gefördert werden und deshalb werde ich ihn, so schwer mir die Trennung fallen wird, in die Akademie von Avencast schicken.“

„Der Tag der Trennung ist nah. Die Magier von Avencast haben meinen Zögling, der wie ein Sohn für mich geworden ist, als Schüler in ihre Akademie aufgenommen. Auch wenn ich Trauer darüber empfinde, dass ich meinen Jungen nun lange Zeit nicht mehr sehen werde, weiß ich, dass dies die richtige Entscheidung war. Am Morgen des nächsten Tages werde ich ihn zur Wegkreuzung begleiten.“

Aus den Tagebüchern des Jonesch, IV – XXXVIII.



Die Ankunft

„Mach, dass du fort kommst!“ Der Magus verscheuchte eine lästige Krähe, die sich auf einer der Zinnen niedergelassen hatte und den Zauberer beäugte, während sie frech zu ihm hinunterkrächzte. Widerwillig hüpfte der schwarze Vogel ein paar Meter weiter auf eine andere Zinne und bedankte sich für die Behandlung mit beleidigtem Gezeter. Der Magus aber hatte die Krähe schon wieder vergessen und ließ seinen Blick von der Brüstung des riesigen weißen Turmes aus über das Land schweifen. Er kniff die Augen ein wenig zusammen, um den kleinen Weg zu finden, der sich von Osten kommend erst durch den dichten Wald und dann an den steilen Felsvorsprüngen entlang hinauf zur Akademie schlängelte. Er fand den Weg, doch niemand ging darauf.

Seine Augen entspannten sich wieder und er sah in Gedanken seinen alten Freund Jonesch vor sich, der sich vor so vielen Jahren für die Einsamkeit entschieden hatte und ein Einsiedler geworden war. Er selbst hatte sich zum Magier berufen gefühlt und war schließlich in die Dienste der Akademie von Avencast getreten. Wie viel Zeit hatten sie in ihrer Jugend zusammen verbracht! Nachdem sich ihre Wege getrennt hatten, hatten sie allerdings nie mehr voneinander gehört. Und nun, ja nun, sollte tatsächlich ein junger Schüler an die Akademie kommen, der von Jonesch aufgezogen worden war! Die Vorfreude auf die Ankunft dieses Schülers bereitete ihm eine Freude, als sei der schrullige Eremit selbst unterwegs. Plötzlich erkannte er schemenhaft eine Gestalt, die sich munter den schmalen Pfad entlang tummelte. „Er kommt!“ rief Meister Malvaren freudig aus, obwohl niemand bei ihm war. Er wandte sich um und lief die endlosen Treppen des Turmes hinab, hinunter in die Hallen der Meister.

Die eiligen Schritte des Magus waren kaum verhallt, da öffnete eine Gestalt, die sich im oberen Teil der Wendeltreppe verborgen gehalten hatte, die Tür und trat hinaus auf die Plattform des Turmes. Sie schritt zu den Zinnen und wagte einen Blick auf den Neuankömmling. In den Augen der Gestalt schimmerte ein sonderbarer Glanz von Wohlwollen und Besorgnis zugleich...

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